| Kommentierte
Fallbeispiele der Teilnehmer |
 |
| 1. |
Fallbeispiel
Die 60-jährige, sehr gepflegte Patientin,
aus höherem sozialem Niveau, ist an einem
Brustkrebsrezidiv erkrankt. Im Jahr 1998 war sie
Brusterhaltend mit Lymphknotenentfernung operiert
worden, die Bestrahlung hatte sie abgelehnt. Sie
hatte die Chemotherapie (CMF) nach 3x abgebrochen.
Die jetzige Operation war nicht im Gesunden erfolgt,
so dass eine Nachresektion erforderlich wurde.
Dieses Mal entschloss sich die Patientin zu einer
Ablatio mammae. Eine anschließende Chemotherapie
wurde von ihr vehement abgelehnt.
In Ihrer Art schafft es Frau D. die ganze Station
zu beschäftigen. Sie ließ mit Ihren
kontroversen Wünschen "die Puppen tanzen".
Beispielsweise lehnte sie die Anpassung der Prothese
(BH) ab, nachdem eine Dame extra für diesen
Zweck, für Frau D. ins Krankenhaus gekommen
war. Im Laufe des Tages entschied sie sich dann
doch für diese Prothese, so dass die Dame
aus dem Sanitätshaus am Folgetag erneut einbestellt
wurde.
Desgleichen wünschte sie eine Anschlussheilbehandlung,
konnte sich dann nach langem, ausführlichem
Gespräch mit der Frau des Sozialdienstes
doch nicht entscheiden, und wollte einen zweiten
Termin um "alles noch mal zu besprechen".
(usw.)
|
|
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 1:
-
die aussaugende, anstrengende Art macht müde,
macht es einem Leid sich mit dieser Patientin
zu beschäftigen.
- Gleichzeitig vermittelt sie jedes Mal das
Gefühl sich nicht genügend mit ihr
beschäftigt zu haben, sich nicht
genügend zu kümmern (obwohl
jeder sich 3x so viel mit ihr beschäftigt,
als mit den anderen!).
- Ihre höfliche, feine Art entfacht Aggressionen,
für die es "kein Raum" zu geben
scheint.
(Verbale Intervention von Dr. Pervan:
"Sie sind so nett, dass sich alle sehr
bemühen, aber Ihre Angst bleibt trotzdem.")
- Wäre eine direkte Konfrontation, die
die feine höfliche Art durchbricht nicht
befreiender für mich/für die Patientin?
Wie kann ich Raum geben meine Aggressionen wahrzunehmen?
(Verbale Intervention von Dr. Pervan:
"Es musste Sie furchtbar verunsichert haben,
diese Op. Haben zu müssen")
- Durchbricht sie nicht unaufhörlich Grenzen,
wie der Krebs? (Getarnt, unerkannt??)
(Kommentar von Dr. Pervan: Ja, ein sehr
guter Gedanke, so könnte man es ihr im
fortgeschrittenem Gesprächsstadium sagen,
sie damit konfrontieren.)
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
| 2. |
Fallbeispiel
Frau K., 21-jährige I-Gravida kommt fast
monatlich seit Beginn ihrer Schwangerschaft in
die Klinik mit unstillbarem Erbrechen und heftigsten
Oberbauchkrämpfen. Während der "Attacke"
liegt sie zusammengekrümmt im Bett, guckt
einen mit weitaufgerissenen Augen hilfesuchend
an und würgt und spuckt gallig oder Schleim.
Die Schwestern und Ärzte werden nach einiger
Zeit nervös, da nichts zu helfen scheint
(Vomex A, Buscopan, Ranitidin, Tramal i.v., Wärme
auf den Bauch). Sie bringt es fertig die ganze
Nacht lang zu würgen und zu kotzen.
Frau K. ist eigentlich eine hübsche junge
Frau, und ihre hübschen Gesichtszüge
passen nicht zu ihrem verwahrlosten Zustand. Sie
riecht jedes Mal ungewaschen, das T-Shirt ist
voller Flecken, eine olle Hose, die Fingernägel
sind abgeknabbert, die Haare ungekämmt.
Die Zusammenhänge werden erst deutlicher
als die Mutter auftaucht, die selbst wie ein Penner
aussieht und so riecht. Die Mutter erzählt
Frau K. bekäme Harz IV, hätte oft nichts
im Kühlschrank und käme hin und wieder
um sich satt zu essen. Der Freund "hätte
keine Arbeit" und wäre in "nicht
so guter" Gesellschaft.
Während des stationären Aufenthaltes
kommt der Freund eher selten. Wenn er kommt gehen
die beiden stundenlang spazieren und Frau K. geht
es schlagartig besser. Noch am gleichen Tag möchte
sie nach hause entlassen werden.
|
| |
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 2:
- Wer ist das Kind, wer ist die Mutter?
(Kommentar von Dr. Pervan: sehr gute
Frage und hohes Enttäuschungspotenzial
im Gespräch, da die Patientin eher infantil)
- Wie kann das Kind zur Mutter werden wenn es
nie eine Mutter hatte?
- Weiß der Vater, dass er Vater ist? (was
Verantwortung ist?)
- Wie kann ein Säugling in so einer Umgebung
überleben?
- Wie kann Frau K. lernen erst Mutter zu sich
selbst zu werden?
- Was ist meine Funktion in dieser Geschichte?
(Kommentar von Dr. Pervan: der Anwalt
des Kindes werden ? die Frage der Adoption ansprechen)
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
| 3. |
Fallbeispiel
Frau E. 41- jährig, ist an einem Lokalrezidiv
eines Mammacarcinoms erkrankt. Sie erwartet ihr
fünftes Kind, zum Zeitpunkt der Diagnose
des Lokalrezidivs war sie in der 21. SSW. Frau
E. hat ein sportliches Aussehen, klare, etwas
kühl-herb wirkende Gesichtszüge, und
dem ersten Eindruck nach eine "patente, effiziente"
Persönlichkeit.
Im Gespräch fällt ein unstillbarer,
schneller Redefluss auf, mit einem Bombardement
an Fragen, wobei die Patientin meist selbst die
Antworten hinterher liefert oder gleich weitere
Fragen stellt. Es bleibt einem wörtlich "die
Luft weg" in diesen Gesprächen. Nach
der letzten Geburt wollte Frau E. Nabelschnurblutstammzellen
einschicken, das hatte nicht geklappt. Dieses
Mal sollte es unbedingt klappen. Vielleicht gäbe
es auf diesem Weg neue Therapiemöglichkeiten.
Ein Satz von Frau E.: "Leben gibt Leben."
Frau E. ist durch das Internet immer auf dem letzten
Stand.
Während ihres stationären Aufenthaltes
kam nie das Gespräch auf ihre vier Kinder
oder auf ihren Mann (der wie ich von der Krankenschwester
erfuhr auch schwer krank sei). Die Frage nach
der Versorgung der Kinder oder des Mannes stellte
sich eigenartiger Weise nie.
|
| |
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 3:
- Die Mutter als Vampir. Erhofft Frau E.
durch die Zeugung der Kinder ihre Krankheit
zu besiegen? Nabelschnurblutstammzellen als
Überlebenschance?
(Kommentar von Dr. Pervan: "Größenphantasie
der Selbstversorgung")
- Tiefe psychotische Persönlichkeitsstörung?
Der Redefluss, die übereffiziente Art und
Überaktivität ist ein undurchdringlicher
Panzer. Durch diese Art hält sie sich ihre
eigenen Gefühle vom Leib und Nähe
in jeglicher Form.
(Kommentar von Dr. Pervan: deswegen
kein echter, emotionaler Kontakt mit der Ärztin,
den Kindern, dem Mann)
- Wie lässt sich dieser Panzer durchbrechen?
(Verbale Intervention von Dr. Pervan:
"Es ist bewundernswert, wie Sie alles schaffen,
Sie müssen auch mal erschöpft sein,
d. h. bedürftig, schweigsam, auf Hilfe
angewiesen, unten und nicht immer obenauf im
Leben und in der Kommunikation.")
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
| 4. |
Fallbeispiel
Frau B., 35-jährig, wird aufgenommen wegen
Dauerblutungen, zur HSK und Abrasio. Sie trägt
einen Magenschrittmacher mit dem sie innerhalb
eines halben Jahres schon 15 Kilo abgenommen hat.
Jetzt wiegt sie etwa 95 Kilo. Der Magenschrittmacher
vermittelt ein Sättigungsgefühl, sobald
Nahrung aufgenommen wird. Frau B. wirkt passiv,
desinteressiert, teilnahmslos. Die Augen sind
abgeblasst, etwas stumpf.
|
| |
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 4:
- Verführt der Magenschrittmacher zu mehr
Passivität? Oder kann er den Teufelskreis
durchbrechen?
(Verbale Intervention von Dr. Pervan:
"Sie wirken immer so abwesend." evtl.
" ...vielleicht lohnt es sich auch ohne
Essen da zu sein.")
- Die seelische Last drückt sich in der
körperlichen Last aus.
- Was kann ich bei jeglicher fehlenden menschlichen
Reaktion "tun"?
(Verbale Intervention von Dr. Pervan:
" ... erstaunlich, dass Sie keine Angst
haben" ? die Adipösen sind häufig
tiefängstlich)
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
| 5. |
Fallbeispiel
Frau A., 32-jährig kommt wegen Blutungstörungen
zur HSK und Abrasio. Sie kommt in Begleitung ihrer
Eltern, der Vater wartet während des Gesprächs
und der Untersuchung draußen. Frau A. wiegt
150 Kg. Sie hat ein kinderhaftes hübsches
Gesicht, lacht viel und ist gut gekleidet. Beim
Gang vom Sprechzimmer ins Untersuchungszimmer
(ca. 50 m) bleibt sie mehrfach stehen um zu verschnaufen.
Bei der Untersuchung wird offensichtlich dass
Frau A. noch nie Geschlechtsverkehr hatte.
Die OP wird in einem OP-Saal organisiert, in dem
der OP-Tisch 150 Kg aushält. Es werden Helfer
für die OP eingesetzt, die die Beine auseinander
halten müssen.
|
| |
Differentialdiagnostische
Überlegungen zum Fallbeisp. 5:
- Das Gewicht erschlägt einen erst mal.
Geht man darüber hinweg, als sei es gar
nicht vorhanden? Geht man darauf ein? Soll man
das lachende Kind zum weinen bringen?
- Sie ist ein dickes Kind geblieben und keine
Frau geworden.
- Halten die (überprotektiven) Eltern das
Kind als Kind ?
- Schritte des Abnehmens erste Schritte in die
Unabhängigkeit (von den Eltern)?
(Verbale Intervention von Dr. Pervan:
"Sie machen so einen netten (ausgeglichenen)
Eindruck, aber etwas blutet in Ihnen" "Sie
sind so bemüht immer nett zu sein, es muss
anstrengend sein." evtl. "Sind Sie
nicht manchmal schon am Ende?")
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
| 6. |
Fallbeispiel
Frau St., 72-jährig, wurde wegen eines rechtsseitigen
Mammacarcinoms operiert. Bei Aufnahme hatte sie
einen stark geschwollenen Arm und Lymphknotenpackete
in der rechten Axilla. Das sei ihr schon vor einem
halben Jahr aufgefallen, aber zu diesem Zeitpunkt
sei ihr Blutzucker so entgleist gewesen, dass
sie sich erst mal darum kümmern musste.
Frau St. hatte vor wenigen Jahren einen Schlaganfall
und ist gehbehindert. Sie lebt mit ihrer über
90-jährigen Mutter zusammen, die sie pflegt.
Auf nähere Fragen meint Frau St. sie käme
gut zurecht. Ein Lebensgefährte sei an Krebs
verstorben.
Frau St. hat ein mädchenhaftes Aussehen,
sie legt viel Wert auf eine gepflegte Frisur,
gepflegte, lackierte Fingernägel, sie trägt
Ringe und eine Brosche. Im Umgang ist sie sehr
empfindlich, sehr schnell gekränkt, verletzt,
eigentlich kann es ihr Keiner Recht machen. Immer
ist ein unterschwelliger Vorwurf spürbar.
|
| |
Differentialdiagnostische
Überlegungen zum Fallbeisp. 6:
- Was ist ihr eigentlicher Vorwurf?
(Kommentar von Dr. Pervan: sich selbst,
dass sie sich nicht getraut hatte, von sich
aus oder für sich und in sich zu leben)
- Hat sie an ihrem Leben vorbei gelebt?
- Ihr verträumtes Verdrängen hat sie
dem Tod nahe gebracht.
- Dornröschen, was irgendwie vergessen
wurde?
(Verbale Intervention von Dr. Pervan: "Sie
haben Ihr ganzes Leben auf etwas Gutes gewartet
und jetzt so was." (=so was Böses?
auf der Metaebene: so eine misslungene Lösung
bei der Angst vor eigenen Bedürfnissen)
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
| 7. |
Fallbeispiel:
Bei
der 26jährigen PJ-lerin wurde wegen einer
Wundheilungsstörung nach einer Hernienoperation
insgesamt fünfmal operiert. Zuletzt kam es
zu einer einseitigen Vulvektomie bei therapieresistenter
Vulvaschwellung mit Hautveränderung und Beschwerden.
Anfänglich
besuchte sie ihr jüngerer Bruder sehr oft
und sie spielten lang Karten. Das Familienhaus
lag 200 km entfernt von der Klinik, so dass die
Eltern sie selten besuchten. Der Bruder kam nach
der letzten Operation unregelmäßig.
Im
Verlauf hatte die Patientin trotz ausreichender
Analgesie starke Schmerzen und fing an mit dem
Ärzteteam und den Schwestern zu schimpfen.
Sie manipulierte an den Nähten, so dass die
Vulvektomiewunde dreimal revidiert wurde. Es kam
zu einer Infektion des linken Auges, das sie leider
durch eine Operation verlor.
In
der Anamnese gab die Patientin an, zwischen dem
11. und 14. Lebensjahr eine sexuelle Beziehung
zu ihrem jüngeren Bruder gahabt zu haben.
Danach hatte sie keine andere Beziehung zu Männern.
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 7:
Nicht
nur die Wundheilungsstörung sondern
auch eine andere (seelische) Wunde wurde
nie zur Heilung gebracht. Das Tragische
ist, dass die Patientin in der realen
(Vulva-)wunde fummelt und sich nicht in
der seelischen Wunde berühren lässt.
Möglicherweise hätte man sagen
können: "Wenn sie so weiter
machen und sich ihren seelischen Nöten
nicht stellen, werden sie vielleicht ganz
erblinden (für ihr Leben blind werden)."
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
| 8. |
Fallbeispiel:
Frau
M., 34jährige Erstgravida stellt sich in
der 33. SSW wegen vorzeitiger Wehentätigkeit
in der Kreissaalambulanz vor. Sie gibt an wegen
starker Wehentätigkeit nachts nicht mehr
schlafen zu können. Die Patientin ist sehr
aufgeregt und drängt auf eine Schwangerschaftsbeendigung
"im Sinne ihres Kindes". Die gynäkologische
Untersuchung zeigte einen unreifen und für
diese Schwangerschaftswoche unauffälligen
Befund. Auf dem CTG war keinerlei Kontraktion
zu erkennen, auch die sonographische Kontrolle
zeigte keine Auffälligkeiten. Bei der Anamnese
stellte sich heraus, dass die Patientin bereits
eine gescheiterte Ehe aufgrund eines unerfüllten
Kinderwunsches hinter sich hat. Ihr Ex-Ehemann
habe sie verlassen, da sie nicht schwanger werden
konnte. In ihrer jetzigen Beziehung kam es zu
einer gewollten, spontanen Schwangerschaft, wobei
sich ihr Lebenspartner sehr auf das Kind freut.
Frau M. berichtet von ernsthaften Ängsten,
das Kind zu verlieren und dadurch auch diese Beziehung
zu gefährden.
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 8:
- extreme Verlustängste, ihr Partner
könnte sie genauso verlassen wie
ihr Ex-Ehemann
- hohe Erwartungshaltung des Partners
- gestörtes Vertrauensverhältnis
innerhalb der Beziehung
- Patientin klammert zu sehr an der Beziehung
bzw. an ihrem Partner, dass sie ihre bevorstehende
Mutterrolle aus den Augen verliert
Kommentar
von Dr. Pervan:
1. Die übersteigerten Ängste
ansprechen ("Fürchten sie nicht
nur das Kind, sondern auch ihren Mann
zu verlieren?")
2. Die Instrumentalisierung des Kindes
ansprechen ("Man bekommt den Eindruck,
dass ihr Kind jetzt schon ein Garant der
gelungenen Ehe sein muss.")
3. "Vielleicht sollen sie mit jemandem
über ihre Ängste reden. So werden
sie nicht gut mit dem Kind umgehen können."
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
| 9. |
Fallbeispiel:
Frau
R., 58jährig mit Ovarialcarcinom ist seit
vier Monaten nach Längsschnittlaparotomie
mit Tumordebulking und subtotaler Kolektomie stationär
in unserer gynäkoonkologischer Abteilung.
Der postoperativer Verlauf gestaltete sich äußerst
schwierig aufgrund der Incompliance der Patientin,
sie hat ganze acht Wochen nach Operation nicht
einmal ihr Krankenzimmer verlassen. Nach kurzem
Aufenthalt zuhause wurde sie wegen AZ-Verschlechterung
mit rezidivierenden Diarrhöen sowie zur Planung
der notwendigen adjuvanten Chemotherapie erneut
stationär aufgenommen, diese wurde des Öfteren
verschoben, da sich die Patientin nicht in der
Lage dazu fühlte. Als Privatpatientin hat
sie das gesamte Personal permanent "terrorisiert".
Ihre Angehörigen sowie der Schwiegersohn
als medizinisch versierter Arzt erschwerten das
Heilungsverfahren zusätzlich. Jegliche Form
der Diagnostik im stationären Verlauf ergaben
keine neuen Erkenntnisse, zumal der postoperative
Verlauf bei Frau R. mit z. B. den Diarrhöen
bei Zustand nach oben genanntem Eingriff als normal
einzustufen ist. Mehrere Anläufe die Patientin
nach hause zu entlassen sind gescheitert, kurz
vor der geplanten Entlassung ging es Frau R. akut
schlechter. Die Patientin lässt sich kaum
führen, stellt sich immer wieder unkooperativ
an und verweigert jeglichen Schritt zur Besserung.
Anamnestisch fällt eine unglückliche
und schwere Kindheit auf, sie hat mit vier Jahren
ihre Mutter verloren und hat unter der Stiefmutter
sehr gelitten. Frau R. zeichnet sich durch eine
übertriebene Hilflosigkeit und Unselbständigkeit
aus, ihre Erkrankung hat sie bis heute nicht akzeptieren
können. Die Patientin stellt sich noch einen
Aufenthalt von ca. drei bis vier Wochen stationär
vor, um sich "adäquat auszukurieren".
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 9:
- sekundärer Krankheitsgewinn
- Angst vor Hilflosigkeit zu hause, fühlt
sich in der häuslichen Situation
verloren
- Suche nach Aufmerksamkeit
- Fehlende Identifikation mit der Grunderkrankung
erschweren den Heilungsprozess
Kommentar
von Dr. Pervan:
Psychodynamisch gesehen ist die
Patientin zum hilflosen 4jährigen
Kind regrediert und die Klinik (Mutter)
müsste gut für sie sorgen. So
ein Kind muss nicht immer wissen, was
gut für es ist, denn die Mutter macht
alles "aus dem Bauch heraus",
wenn das Kind Bauchschmerzen hat. Gleichzeitig
hat sie auch die Erfahrung gemacht, dass
es eine böse Stiefmutter gibt, der
sie hilflos ausgeliefert ist (der Krankheit,
der Ärzteschaft).
Intervention: "Sie merken, dass sie
alleine nicht mit der Lage fertig werden,
sich aber auf die Ärzte (auf die
Medizin) zu verlassen fällt ihnen
schwer. Als ob wir eine bösartige
Stiefmutter werden könnten.
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
| 10. |
Fallbeispiel:
Frau
D., 34jährige Drittgravida, Nullipara stellt
sich in der 36. SSW wegen fraglichem vorzeitigem
Blasensprung und vorzeitiger Wehentätigkeit
in unserer KRS-Ambulanz vor. Sowohl die gynäkologische,
sonographische als auch die CTG-Kontrolle schließen
einen möglichen Geburtsbeginn aus. Die Patientin
wünscht eine vorzeitige Geburtseinleitung
zur Schwangerschaftsbeendigung, trotz ausführlicher
Aufklärung über die fehlende Notwendigkeit
sowie die dadurch eintretende Frühgeburtlichkeit
mit kindlicher Unreife. In der Anamnese stellt
sich heraus, dass sie bereits zwei Fehlgeburten
in jeweils der 16. und 22. SSW hatte.
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 10:
- Angst vor erneuten Fehlgeburt
- übertriebene Angst im Sinne einer
"Torschusspanik" bei fortgeschrittenem
Alter (lt. Patientin)
Kommentar
von Dr. Pervan:
offensichtlich starke Ängste,
die man
- beiläufig ("Es ist klar, dass
sie Angst haben.")
- oder ernster ("Nach den ganzen
Erfahrungen, ist ihre Sicherheit in Bezug
auf eine erfolgreiche Schwangerschaft
sehr zerbrechlich.") ansprechen sollte.
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
| 11. |
Fallbeispiel:
Die
28 jährige Patientin stellt sich bei ihrem
Frauenarzt mit starken Kopfschmerzen vor, seitdem
sie die neue Pille einimmt. Sie hatte schon mal
eine andere Antibabypille, auf die sie mit einer
Gewichtszunahme, Libidoverlust, Brustspannen usw.
reagiert hatte. Eine andere Art der Kontrazeption
lehnt sie grundsätzlich ab. Sie hat öfters
die Pilleneinnahme vergessen oder auch wegen dieser
körperlichen Beschwerden nicht eingenommen.
Dadurch hatte sie Streitereien mit ihrem Partner.
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 11:
- Unbewusster Kinderwunsch
- Partnerschaftskonflikte
- Carcinophobie
- Konflikt mit eigener Sexualität
Kommentar
von Dr. Pervan:
- Unklarer Kinderwunsch und
offensichtlich unklare Beziehungs-situation.
- "Die Verhütung ist das Eine,
die Lust aufeinander etwas ganz Anderes".
- "Erst, wenn man Lust aufeinander
hat, braucht man wirklich die Verhütung
oder beide Partner kommen auch zur Klärung
eines Kinderwunsches."
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
| 12. |
Fallbeispiel:
Eine
36 jährige adipöse Patientin, stellte
sich mit einer überaktiven Blase mit beginnender
Urge-Inkontinenz in der Urogynäkologischen
Sprechstunde vor. Sie ist in einer Führungsposition.
Die Beschwerdesymptomatik ist besonders belastend,
wenn sie in einer Konferenz paarmal raus muss.
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 12:
- Übersteigerte Leistungsbereitschaft
- Reaktion auf berufliche Konflikte
- Depression: Die frustrierenden Belastungen
werden mit Essen oder Naschen hinwegtröstet
Kommentar
von Dr. Pervan:
"Was können Sie
nicht mehr zurückhalten?"
"Vielleicht bedrängt Sie nicht
nur die Blase, sondern auch manche ungelösten
Fragen. Ich kann es mir vorstellen, dass
in Ihrem Alter die Fragen der Karriere
und der Familienführung ein Konfliktpotenzial
in sich bergen."
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
| 13. |
Fallbeispiel:
Die
Aufnahme der 61jährigen Patientin erfolgt
unter laufender Chemotherapie wegen heftigen Erbrechens
und Exsikkose. Frau M. war aufgrund eines Mammacarcinoms
die rechte Brust amputiert worden. Nach jedem
Chemotherapiezyklus war es zur stationären
Aufnahme gekommen. Sie äußerte immer
wieder, wie sehr sie die Chemotherapie „ankotze“
und wie sehr sie sich ob des veränderten
Körperbildes hasse. Sie könne sich nicht
im Spiegel anschauen, da sie das nicht ertragen
könne.
Differentialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 13:
-schwierige Bewältigung der Tumorerkrankung
-Ressourcen der Patientin erschöpft
-Angst, der Partner wendet sich ab aufgrund
des veränderten Köperbildes
Kommentar
von Dr. Pervan:
Die Situation berührt etwas anderes
in der Patientin, als das, was sie sagt
und merken kann.
„Ich glaube es Ihnen, dass es schrecklich
ist, sich ohne Brust zu sehen. Gleichzeitig
merken Sie, dass dieses Gefühl Sie
völlig umhaut, ganz tiefe Ängste
und Unsicherheiten in Ihnen auslöst.
Diese kann man nicht „weg chemotherapieren“.
Darüber könnten Sie jedoch mit
einem Fachmann sprechen.“
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
| 14. |
Fallbeispiel:
31jährige
Patientin stellt sich mit Unterbauchschmerzen
und staken vaginalen Blutungen in unserer Ambulanz
vor. Sie berichtet von Panikattacken und Ohnmachtsanfällen
seit ihr Vater vor drei Jahren einen Tag vor ihrem
Geburtstag gestorben sei. Sie erzählt, dass
ihr immer wieder schwarz vor Augen und schwindelig
werde wenn sie mit dem Auto unterwegs sei. Internistisch
sei ein mäßig gut eingestellter Diabetes
mellitus und eine Herzinsuffizienz nach Reanimation
vor 9 Jahren im Rahmen der Geburt ihres einzigen
Kindes bekannt. Als zusätzlich für sie
belastend war, dass die Großmutter, die
bis zuletzt von ihr gepflegt und eine wichtige
Bezugsperson für sie war vor vier Wochen
nach langer Krankheit verstorben sei. Die gynäkologische
Aufnahmeuntersuchung ergab lediglich eine Endometriumhyperplasie.
Differenzialdiagnostische Überlegungen
zum Fallbeisp. 14:
-Angstzustände
-Ressourcen der Patientin erschöpft
(Kommentar von Dr. Pervan: ? begünstigt
den Durchbruch der Grundstörung =
die ANGSTNEUROSE
„Sie haben es wirklich schwer im
Leben. Das würde jedem zusetzen,
nur bei Ihnen schlägt das Ganze so
hohe Wellen, dass Sie das Gefühl
bekommen unterzugehen, in der Angst zu
ersticken.“ „Die realen Belastungen
können wir nicht immer verhindern,
aber Ihre Gefühle, mit diesen Begebenheiten
nicht fertig zu werden, könnte man
in Gesprächen mit einem dafür
ausgebildeten Fachmann ändern.“
TOP
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
| |
|